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Die Lerngruppe

Alle Teilnehmer wohnen in einer Wohneinrichtung für geistig behinderte Menschen, einige auch im stationär betreuten Wohnen.

Ich will sie hier (unter Decknamen natürlich) einmal vorstellen.

  • Da ist Hildegard, eine Frau von 55 Jahren. Ihre Diagnose lautet „Minderbegabung und schizophrene Psychose“. Die Psychose äußert sich mit einer starken negativen Symptomatik; für den Lesekurs ist vor allem ein starker Konzentrationseinbruch nach kurzer Zeit  relevant. Sie hat als Kind in der Volksschule lesen gelernt, aber viele Fähigkeiten wieder verloren. Sie kann fast alle Buchstaben sicher benennen und schreibt in kaum leserlicher Schreibschrift.
  • Dann kommt Therese. Sie behauptet, sie sei 85, aber das ist wohl ein Zahlendreher. Sie hat das Down-Syndrom. Irgendjemand hat sich viel Mühe gegeben, ihr das Alphabet beizubringen, was sich als großes Hindernis erweist. Denn so wie sie es gelernt hat, ist ein B ein Be – und das macht es schwierig, Wörter zusammenzuziehen. Sie hat eine super saubere Schönschrift und schreibt gerne seitenweise ab, allerdings ohne zu verstehen, was sie da schreibt. Ihr größtes Problem ist ihre Sturheit – von einem einmal eingeschlagenen Weg lässt sie sich nicht abbringen, auch wenn er ins Leere führt.
  • Hans ist ebenfalls Mitte fünfzig. Er leidet an Epilepsie und einem hirnorganischen Psychosyndrom, sitzt im Rollstuhl und ist der einzige Teilnehmer, der wegen seines Gesundheitszustandes nicht in den Behindertenwerkstätten arbeiten kann. Er hat die ganz normale Hauptschule besucht und früher die Tageszeitung und Karl May gelesen. Seit einigen Jahren hat er daran das Interesse verloren und viele seiner ehemaligen Fertigkeiten eingebüßt. Da er stark verlangsamt ist und große Mühe hat, feine Bewegungen zu steuern, kann er nicht mehr schreiben. Er kann aber Magnetbuchstaben legen.
  • Rita dürfte um die 40 sein. Sie hat manche gesundheitlichen Nöte, aber sie ist doch eine der treusten Teilnehmerinnen. Leider bleiben in ihrem Kopf keine Buchstaben hängen. Sie kann ihren Namen in Druckbuchstaben schreiben und es gibt einige kurze Wörter, die sie erkennt. Sie liebt es zu malen, auch die Buchstaben malt sie!  Am liebsten schreibt sie in allen Farben des Regenbogens; entsprechend lange braucht sie für ein Wort. Normalerweise schreibt sie, was der Nachbar schreibt :), vorausgesetzt, sie erkennt es. Für sie ist der Lesekurs hauptsächlich ein „social event“.
  • Rainer, 41 Jahre alt, ist ein sorgfältiger, ruhiger und langsamer Typ. Er kann sich mit den kleinen Buchstaben nicht recht anfreunden. Er hat manches gelernt, traut sich aber nichts zu und braucht für jeden Schritt die Rückversicherung des Gruppenleiters, ob er es richtig macht. Auch er hält sich immer gern an den Nachbarn. Er müsste lernen, sich auf sich selbst zu verlassen und Aufgabenstellungen anzupacken.
  • Markus ist um die 30 und ein ADHS-Typ. Er kann die Gruppe vollkommen aufmischen, provoziert gern mit Obszönitäten und hackt auf Schwächeren herum. Er selbst schafft es, dabei zu arbeiten, aber die anderen sind dann völlig abgelenkt. Er war in der Schule für praktisch Bildbare und hat dort nicht lesen und schreiben gelernt. Seine Auffassungsgabe ist gut, und er gibt sich Mühe. Das Schreiben fällt ihm schwer, aber er tut es. Von allen Teilnehmern macht er die eindeutigsten Fortschritte. Nach 30 Minuten hat er meist genug und macht dann entweder nur noch Blödsinn oder geht heim.
  • Jens, Ende 30, kann recht gut lesen und schreiben. Er träumt allerdings gern und wälzt ununterbrochen Probleme und liegt daher bei Aufgaben zeitlich immer hintendran. Bei ihm geht es mehr um Erhaltung und Festigung seiner Fähigkeiten.
  • Seit einigen Monaten ist auch Wolfgang bei uns. Wolfgang kann ganz gut lesen und schreiben, was man ihm kaum zutrauen würde, wenn man es nicht wüsste. Er kommt nicht herein, er huscht herein ( und eh man sich´s versieht, auch wieder raus). Er spricht nur im Flüsterton; manchmal flüstert er sehr erregt immer dasselbe vor sich hin, und man kann kaum zu ihm durchdringen. Er ist der einzige, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er wirklich freiwillig kommt und Spaß daran hat, oder ob es eine Idee eines wohlmeinenden Betreuers war, ihn in diesen Kurs zu stecken….
  • Ganz neu bei uns ist Ursula. Sie kennt noch gar keine Buchstaben. Sie ist um die 40 Jahre alt, sehr kindlich und anhänglich und wohnt in einer außenbetreuten Wohngruppe. Um ihretwillen habe ich die Kurse noch mal umorganisiert in eine Anfänger- und eine Fortgeschrittenengruppe. Auch für Rita und Therese ist das ideal, weil hier ebenfalls die grundlegende Buchstabenkenntnis fehlt.
  • Karsten war früher schon mal bei uns und hat dann aufgehört, weil Markus ihn so genervt hat (allerdings hat er bei jedem Blödsinn kräftig mitgemacht). Nun bat er um Aufnahme in die Anfängergruppe. Er schreibt sehr gerne, kennt die meisten Buchstaben, kann aber kein Wort zusammensetzen. Ich vermute bei ihm auch Hörprobleme. Er spricht mit einer Art „Nullgrammatik“, kann sich aber sehr gut verständlich machen und durchsetzen.

Wir treffen uns 1mal wöchentlich am späten Nachmittag. Die Teilnehmer haben dann gewöhnlich einen Arbeitstag in der Behindertenwerkstatt hinter sich. Für jede Gruppe stehen 40 Minuten zur Verfügung.

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