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Iris Mann: “Lernen können ja alle Leute”

24. März 2009

Dieses unter einem Pseudonym (der wirkliche Name der Autorin ist Christel Manske) veröffentlichte Buch hat mich vor Jahren zuallererst ermutigt, jedem Menschen Lernfähigkeit zuzutrauen Es ist 1990 beim Beltz-Verlag erschienen.

Es berichtet von einem Projekt  in einer Behindertenwerkstatt. Dort hat die Autorin mit geistig behinderten Erwachsenen Lesen und Schreiben und auch Rechnen geübt und ihre Erfolge und Misserfolge dokumentiert und Schlüsse daraus gezogen.

Sie stützt sich dabei  auf die Tätigkeitstheorie und die Aneignungstheorie nach Galperin. Die Buchstaben werden handelnd erfahren und erlernt unter Beteiligung aller Sinne, unterstützt durch Gebärden. Dann folgt die  bildhafte Darstellung = Materialisation, dann die lautsprachliche Darstellung = Verbalisation. Die Verbalisation macht die handelnde Tätigkeit mit dem Buchstaben überflüssig und hebt sie auf eine qualitativ höhere Stufe. Das Sprechen wiederum verkürzt sich zur Denktätigkeit = Interiorisation.

Sie beschreibt sehr praktisch, wie die einzelnen Stufen bei ihren Schülern verliefen, welche Hindernisse es gab und wie sie immer wieder von der lernenden Person ausgeht und nicht Unterricht “vorsetzt”.

Vom Buchstaben kommt sie zu den Silben und zu den Sätzen. Dabei erkennt sie, dass die eingeschränkte Erfahrungswelt ihrer Schüler das größte Problem ist. Texte lesen und verstehen ist zweierlei, und doch ist das erste ohne das zweite sinnlos. Darum bleibt es ein immerwährendes Ziel des Unterrichts, die Wirklichkeit erfahrbar zu machen durch die Ausbildung der Sinne.

Das Buch hat eine starke ideologische  (marxistische) Ausrichtung. Auch wenn man diese (wie ich) nicht teilt, so spürt man der Autorin auf jeder Seite das echte Engagement und den Respekt vor ihren Schülern ab. Es ist für mich immer wieder eine Quelle von Ermutigung, Begeisterung und vielen praktischen Ideen gewesen. Ich kenne auch kein gleichwertiges zu dieser Thematik (Lernen mit geistig behinderten Erwachsenen).

Neu ist es wohl nicht mehr erhältlich; es dürfte aber in den meisten öffentlichen Bibliotheken vorhanden sein. Ich habe es derzeit aus der hessischen Landesbibliothek ausgeliehen.

Dr. Christel Manske (Jahrgang 41) ist Psychologin und Sonderschullehrerin. Sie leitet heute in Hamburg ein eigenes Institut für den Aufbau funktioneller Hirnsysteme, in dem sie seit 1995 mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, die aufgrund bestimmter neuropsychologischer Syndrome in ihrer geistigen Entwicklung beeinträchtigt sind.

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