Langsam, aber stetig setzen sich die ersten Buchstaben mit Fingerzeichenunterstützung fest.
Wir haben jetzt die 5 Vokale und die stimmhaften Konsonanten durch und können kleine Silben und ein paar “vernünftige” Worte bilden. Weitere Buchstaben will ich erst einführen, wenn diese richtig sitzen und angewandt werden können. Ich spüre aber schon, dass sich bei vor allem bei Rita langsam ein Verständnis dafür entwickelt, wie ein Wort sich aus Lauten zusammensetzt – und darum haben wir jetzt mit anderen Methoden jahrelang gerungen!
Zur Einführung habe ich jeweils laminierte Nachspurkarten erstellt, die wir immer wieder benutzen können. Ich stelle fest, dass einige Teilnehmer fast unüberwindliche Schwierigkeiten haben, die Buchstaben in der Größe zu unterscheiden und richtig in die Zeilen einzuordnen. Vermutlich hilft da nur Üben. Meine Befürchtung, dass sie sich nach einer Weile langweilen könnten, hat sich bis jetzt nicht bewahrheitet.
Ich habe jede Menge Buchstabenkärtchen erstellt und in Kästchen einsortiert, auf deren Deckel das jeweilige Fingerzeichen zu sehen ist. Ich lasse die Teilnehmer dann auf Setzleisten Silben und Wörter legen,die wir unter Einsatz der Fingerzeichen erarbeitet haben und dann abschreiben. Lukas stecke ich einen dicken Marker zwischen die Finger, stabilisiere mit der einen Hand seinen Ellenbogen und führe mit der anderen seine beim Schreiben. Auch wenn er niemals alleine schreiben können wird, macht ihm das einen Riesenspaß und ist er auf sein Werk stolz wie Oskar. Ich hoffe, dass ihm das auch hilft, durch sensorische Rückmeldung ans Gehirn die Form der Buchstaben zu verinnerlichen. Leider ist sein Talker immer noch nicht nutzbar, so dass ich sein Verständnis von dem, was wir erarbeitet haben, schwer kontrollieren kann.
Heute war das erste Treffen im neuen Jahr, und die Teilnahme war mager, weil einige noch im Urlaub sind.
Lukas war zum ersten Mal dabei, und wie so oft, ist sein Talker wieder mal defekt und ihm damit die Sprache “abgedreht” – eine ziemlich brutale Sache. Wenn man sich da mal reinversetzt, versteht man seinen Frust.
Die Vorgehensweise mit den Fingerzeichen ist natürlich für ihn eigentlich nicht passend, aber ich muss ihn irgendwie in diese Lerngruppe integrieren, weil ich nicht noch einen Kurs eröffnen kann. Wenn er verstehen will, was wir machen, muss er sie mitlernen, auch wenn er sie weder zeigen kann noch den dazugehörigen Laut sprechen.
Also habe ich die anderen Teilnehmer heute gebeten, die Zeichen zu den gelernten Lauten zu zeigen und habe sie dabei fotografiert . Die Bilder will ich dann zu Talkersymbolen für Lukas umarbeiten, damit er sie, wenn wir damit arbeiten, anklicken kann. Die Wiederholung hat übrigens gezeigt, dass in den Weihnachtsferien schon wieder einiges vergessen wurde……
Dann habe ich ihm die Buchstaben in die Hand geschrieben und die anderen zuschauen lassen und den Laut dazu sagen. Anschließend haben wir an der Tafel Silben gebildet und erlesen und er hat zugeschaut. Geschrieben haben wir nichts, denn in der Zeit wäre er ganz ohne Beschäftigung gewesen ohne seinen Talker. Ich werde jedenfalls meine ganze Kreativität brauchen, um ihn überall mit einzubeziehen.
Buchstabenplätzchen haben wir heute gebacken, wie letztes Jahr auch. Ich hatte schon wieder vergessen, wie anstrengend das ist…..Nächstes Mal feiern wir dann Jahresabschluss mit einem “Buchstaben-Café”, und anschließend kann, wer will, noch Weihnachtskarten basteln und schreiben, und dann sind Weihnachtsferien…..
Im neuen Jahr werde ich dann im Anfängerkurs einen neuen Teilnehmer haben. Lukas ist Tetraspastiker, kann nicht sprechen und kommuniziert mit einem Talker – einem kleinen Computer mit Sprachausgabe, den er mit zwei Kopftastern als Maus bedient. Und er möchte furchtbar gerne lesen lernen. Das wird ein Abenteuer und viel Arbeit, aber ich will ihm diese Chance geben, die für ihn vielleicht irgendwann auch die Möglichkeit einer beruflichen Integration eröffnen kann.
Vor einiger Zeit bin ich auf das ” Kochbuch fürs Lesen” von Katrin Rabanus gestoßen, die mit ihrer Hasenschule schon vielen hoffnungslosen Fällen das Lesen beigebracht hat. Da mir ihr Vorgehen sinnvoll erschien, habe ich beschlossen, die Methode mit meinem Anfängerkurs auszuprobieren. Ich hoffe, damit auch Rita und Ursula noch mal eine Chance zu geben, sich Buchstaben zu merken. Rainer kann so vielleicht noch die kleinen Buchstaben lernen – in diesem Lehrgang wird mit den kleinen Buchstaben angefangen.
Die Methode verwendet die Fingerzeichen nach Koch. Die Vokale werden zuerst eingeführt, dann die stimmhaften Konsonanten. Am Anfang wird nur auf die reine Lesetechnik Wert gelegt, die Sinnentnahme erfährt erst Interesse, wenn die Technik beherrscht wird. In unserem Kurs sind wir jetzt mit den Vokalen durch und heute beim M gelandet. Bis jetzt machen die Teilnehmer begeistert mit; ich werde über Erfolg und Mißerfolg berichten.
Lange habe ich nach einer Freeware -Schriftart für den PC gesucht, die der Druckschtrift entspricht, die meine Schüler schreiben – heute habe ich eine zum kostenlosen Download gefunden. Einen herzlichen Dank an den Autor von Grundschulmaterial online!
Kleiner Tipp: Es ist kein Problem z.B. für Schablonen die Buchstaben sehr stark zu vergrößern. Einfach die Schriftgröße in Ihrem Schreibprogramm markieren, eine beliebige Zahl (z.B. 500) eingeben, Entertaste drücken. Die voreingestellten Schriftgrößen sind nicht die Endstation!
Nachdem ich neulich gebeten wurde, mal ein paar Tipps zu geben, fang ich mal mit der “Ausrüstung” an.
Für die Teilnehmer hat sich ein Ordner zum Abheften der Arbeitsblätter bewährt. Hat man ihn vergessen, kann man Blätter später noch abheften; ist er überfüllt, kann man ihn abspecken. Die Ordner haben vier Ringe – man braucht also unbedingt einen passenden Locher. Blätter mit 2 Löchern reißen erfahrungsgemäß leicht aus.
Eine mobile Tafel hab ich mir aus einem großen Stück stabiler Pappe und Tafelfolie gemacht. Da wir keinen festen Schulraum haben, kann sie so einfach an einen Nagel an der Wand gehängt und nachher wieder abgenommen werden.
Wichtig sind Bleistifte, Filzstifte und Gelstifte in vielen Farben. Meine Teilnehmer lieben es bunt, und auch erwachsene Männer geben sich mit einem goldenen Stift mehr Mühe. Und wenn Motivation mal so einfach ist, sollte man das schamlos ausnutzen!
Scheren und Klebstifte braucht man für Zuordnungsaufgaben, bei denen z.B. Text zu Bildern geklebt wird. Besser zu handeln, aber teurer: Aufkleberpapier, das sich mit dem Drucker beschreiben lässt.
Arbeitsblätter erstelle ich am PC selbst oder lade sie aus dem Internet herunter; sie sollten optisch ansprechend sein und starken Aufforderungscharakter haben.
Spiele, Spiele, Spiele! Ich kaufe jedes Lesespiel, das ich im unteren Preissegment finde und habe selbst jede Menge Dominos und Memorys, Klammerspiele, Silbenpuzzles und Lesefächer erstellt. In der Linkliste finden sich viele Anregungen und Material zum Runterladen. Auch auf Flohmärkten wird man da manchmal fündig. Da wir uns ja sehr langfristig mit Buchstaben und Grundwortschatz beschäftigen, ist Abwechslung das A&O. Und wir wollen ja auch Spaß miteinender haben! Da die Sachen lange halten müssen, sollte man sie laminieren.
Magnettafeln sind nützlich für Teilnehmer, die feinmotorisch nicht in der Lage sind zu schreiben. So können sie sich auch beteiligen. Ich habe jetzt auch ein uraltes Laptop “geerbt”, auf das ich noch ein Schreibprogramm aufspielen muss, und das dann auch im Lesekurs zum Einsatz kommen soll.
Das ist eigentlich alles, was man außer Tischen und Stühlen und ein bisschen Enthusiasmus braucht.
Ach ja, und natürlich die Anwesenheitsliste! Sie ist ja fast das Wichtigste! Da klebt jeder Teilnehmer jedesmal einen kleinen Aufkleber in seine Spalte, und wenn er 10mal da war, darf er in die Schatzkiste greifen. Da sind kleine Blöcke, Schlüsselanhänger, witzige Stifte, bunte Kulis oder auch kleine Süßigkeiten drin – und man kann sicher sein, dass jeden Donnerstag die Punkte gezählt werden.
Eigentlich hatte ich ja für diese und die nächste Woche Exkursionen geplant. Wollte einen Stadtrundgang mit den Teilnehmern machen und sie Points of interest finden lassen, nachdem wir uns im Fortgeschrittenenkurs mit dem Thema “Unsere Stadt” beschäftigt hatten. Leider hat der Kollege, der mitkommen sollte, bei der Terminplanung übersehen, dass er da mit einer Freizeitgruppe in Italien ist……und leider ist nach hinten verschieben blöd, weil es irgendwann um 17 Uhr auch schon dunkel ist und man nichts mehr sieht, zudem kalt, sodass der geplante anschließende Besuch im Eiskaffee auch nicht mehr attraktiv ist. Im Moment bin ich ein bisschen ratlos, ob ich die Sache nun ganz ins nächste Jahr verschiebe, mir eine alternative Unternehmung überlege oder was…….. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich darüber aufrege, dass wir keinen einrichtungsübergreifend vernetzten Terminplan haben, sondern 1000 Zettel, Dienstpläne usw. und den Rest in löchrigen Hirnen…… Dann würde man nicht immer belegte Zeiten übersehen.
Ein Lesekurs mit behinderten Menschen hat seine besonderen Gegebenheiten, epileptische Anfälle zum Beispiel. Gestern musste ich Hans deswegen zwischendurch in die Wohngruppe bringen…..und bis ich wiederkam, hatte sich die Gruppe halbwegs aufgelöst. Ist der Betreuer fort, ist der Unterricht zuende (ich hatte zwar gesagt, dass ich gleich wieder da bin, aber es hat offenbar zu lange gedauert). Nun ja, dann eben Fortsetzung in einer Woche……..
In den letzten Wochen gab es Veränderungen, die mich herausforderten. Zwei neue Teilnehmer stießen zu unserem Kurs und brachten die Leistungsunterschiede noch mehr zum Vorschein. Nach längerem Überlegen habe ich mich zu einer Umstrukturierung entschlossen.
Im “Anfängerkurs” (den ich nicht offiziell so nenne) ist jetzt sowohl eine neue Frau (Barbara) ohne Vorkenntnisse als auch Rita, die schon jahrelang mitmacht und nicht vom Fleck kommt, außerdem Therese mit geringen Kenntnissen und Rainer. Er würde leistungsmäßig zur 2. Gruppe passen, käme aber psychisch nicht zurecht. In einer 4er Gruppe ist aber innere Differenzierung gut möglich, wenn sie auch ein größeres Maß an Vorbereitung und Arbeitsmaterial erfordert. Ich habe vor, nochmals alle Buchstaben zu erarbeiten; dazu will ich erstmals auch Lautgebärden einsetzen. Die erste Stunde in dieser Art war ermutigend.
Der 2. Kurs umfasst jetzt 5 Leute, die alle mehr oder weniger lesen können.Mit diesem Kurs werde ich eher Projekte erarbeiten und die Rechtschreibung des Grundwortschatzes festigen. Zur Zeit arbeiten wir am Thema “Unsere Stadt”, spielen Memory mit Fotos von Sehenswürdigkeiten, studieren den Stadtplan und planen als Abschluss eine kleine Exkursion.
Mal sehen, ob sich das so bewährt.
Ich habe eine coole Mindmapping-Software entdeckt, die sich online nutzen lässt.
Die Mindmaps lassen sich auf verschiedene Weisen exportieren oder in einem Online-Account speichern. ![]()
Prima zum Vorbereiten und Ideen sammeln; oben mal ein Beispiel.