Vor einiger Zeit bin ich auf das “ Kochbuch fürs Lesen“ von Katrin Rabanus gestoßen, die mit ihrer Hasenschule schon vielen hoffnungslosen Fällen das Lesen beigebracht hat. Da mir ihr Vorgehen sinnvoll erschien, habe ich beschlossen, die Methode mit meinem Anfängerkurs auszuprobieren. Ich hoffe, damit auch Rita und Ursula noch mal eine Chance zu geben, sich Buchstaben zu merken. Rainer kann so vielleicht noch die kleinen Buchstaben lernen – in diesem Lehrgang wird mit den kleinen Buchstaben angefangen.
Die Methode verwendet die Fingerzeichen nach Koch. Die Vokale werden zuerst eingeführt, dann die stimmhaften Konsonanten. Am Anfang wird nur auf die reine Lesetechnik Wert gelegt, die Sinnentnahme erfährt erst Interesse, wenn die Technik beherrscht wird. In unserem Kurs sind wir jetzt mit den Vokalen durch und heute beim M gelandet. Bis jetzt machen die Teilnehmer begeistert mit; ich werde über Erfolg und Mißerfolg berichten.
Lange habe ich nach einer Freeware -Schriftart für den PC gesucht, die der Druckschtrift entspricht, die meine Schüler schreiben – heute habe ich eine zum kostenlosen Download gefunden. Einen herzlichen Dank an den Autor von Grundschulmaterial online!
Kleiner Tipp: Es ist kein Problem z.B. für Schablonen die Buchstaben sehr stark zu vergrößern. Einfach die Schriftgröße in Ihrem Schreibprogramm markieren, eine beliebige Zahl (z.B. 500) eingeben, Entertaste drücken. Die voreingestellten Schriftgrößen sind nicht die Endstation!
Nachdem ich neulich gebeten wurde, mal ein paar Tipps zu geben, fang ich mal mit der „Ausrüstung“ an.
Für die Teilnehmer hat sich ein Ordner zum Abheften der Arbeitsblätter bewährt. Hat man ihn vergessen, kann man Blätter später noch abheften; ist er überfüllt, kann man ihn abspecken. Die Ordner haben vier Ringe – man braucht also unbedingt einen passenden Locher. Blätter mit 2 Löchern reißen erfahrungsgemäß leicht aus.
Eine mobile Tafel hab ich mir aus einem großen Stück stabiler Pappe und Tafelfolie gemacht. Da wir keinen festen Schulraum haben, kann sie so einfach an einen Nagel an der Wand gehängt und nachher wieder abgenommen werden.
Wichtig sind Bleistifte, Filzstifte und Gelstifte in vielen Farben. Meine Teilnehmer lieben es bunt, und auch erwachsene Männer geben sich mit einem goldenen Stift mehr Mühe. Und wenn Motivation mal so einfach ist, sollte man das schamlos ausnutzen!
Scheren und Klebstifte braucht man für Zuordnungsaufgaben, bei denen z.B. Text zu Bildern geklebt wird. Besser zu handeln, aber teurer: Aufkleberpapier, das sich mit dem Drucker beschreiben lässt.
Arbeitsblätter erstelle ich am PC selbst oder lade sie aus dem Internet herunter; sie sollten optisch ansprechend sein und starken Aufforderungscharakter haben.
Spiele, Spiele, Spiele! Ich kaufe jedes Lesespiel, das ich im unteren Preissegment finde und habe selbst jede Menge Dominos und Memorys, Klammerspiele, Silbenpuzzles und Lesefächer erstellt. In der Linkliste finden sich viele Anregungen und Material zum Runterladen. Auch auf Flohmärkten wird man da manchmal fündig. Da wir uns ja sehr langfristig mit Buchstaben und Grundwortschatz beschäftigen, ist Abwechslung das A&O. Und wir wollen ja auch Spaß miteinender haben! Da die Sachen lange halten müssen, sollte man sie laminieren.
Magnettafeln sind nützlich für Teilnehmer, die feinmotorisch nicht in der Lage sind zu schreiben. So können sie sich auch beteiligen. Ich habe jetzt auch ein uraltes Laptop „geerbt“, auf das ich noch ein Schreibprogramm aufspielen muss, und das dann auch im Lesekurs zum Einsatz kommen soll.
Das ist eigentlich alles, was man außer Tischen und Stühlen und ein bisschen Enthusiasmus braucht.
Ach ja, und natürlich die Anwesenheitsliste! Sie ist ja fast das Wichtigste! Da klebt jeder Teilnehmer jedesmal einen kleinen Aufkleber in seine Spalte, und wenn er 10mal da war, darf er in die Schatzkiste greifen. Da sind kleine Blöcke, Schlüsselanhänger, witzige Stifte, bunte Kulis oder auch kleine Süßigkeiten drin – und man kann sicher sein, dass jeden Donnerstag die Punkte gezählt werden.
Eigentlich hatte ich ja für diese und die nächste Woche Exkursionen geplant. Wollte einen Stadtrundgang mit den Teilnehmern machen und sie Points of interest finden lassen, nachdem wir uns im Fortgeschrittenenkurs mit dem Thema „Unsere Stadt“ beschäftigt hatten. Leider hat der Kollege, der mitkommen sollte, bei der Terminplanung übersehen, dass er da mit einer Freizeitgruppe in Italien ist……und leider ist nach hinten verschieben blöd, weil es irgendwann um 17 Uhr auch schon dunkel ist und man nichts mehr sieht, zudem kalt, sodass der geplante anschließende Besuch im Eiskaffee auch nicht mehr attraktiv ist. Im Moment bin ich ein bisschen ratlos, ob ich die Sache nun ganz ins nächste Jahr verschiebe, mir eine alternative Unternehmung überlege oder was…….. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich darüber aufrege, dass wir keinen einrichtungsübergreifend vernetzten Terminplan haben, sondern 1000 Zettel, Dienstpläne usw. und den Rest in löchrigen Hirnen…… Dann würde man nicht immer belegte Zeiten übersehen.
Ein Lesekurs mit behinderten Menschen hat seine besonderen Gegebenheiten, epileptische Anfälle zum Beispiel. Gestern musste ich Hans deswegen zwischendurch in die Wohngruppe bringen…..und bis ich wiederkam, hatte sich die Gruppe halbwegs aufgelöst. Ist der Betreuer fort, ist der Unterricht zuende (ich hatte zwar gesagt, dass ich gleich wieder da bin, aber es hat offenbar zu lange gedauert). Nun ja, dann eben Fortsetzung in einer Woche……..
In den letzten Wochen gab es Veränderungen, die mich herausforderten. Zwei neue Teilnehmer stießen zu unserem Kurs und brachten die Leistungsunterschiede noch mehr zum Vorschein. Nach längerem Überlegen habe ich mich zu einer Umstrukturierung entschlossen.
Im „Anfängerkurs“ (den ich nicht offiziell so nenne) ist jetzt sowohl eine neue Frau (Barbara) ohne Vorkenntnisse als auch Rita, die schon jahrelang mitmacht und nicht vom Fleck kommt, außerdem Therese mit geringen Kenntnissen und Rainer. Er würde leistungsmäßig zur 2. Gruppe passen, käme aber psychisch nicht zurecht. In einer 4er Gruppe ist aber innere Differenzierung gut möglich, wenn sie auch ein größeres Maß an Vorbereitung und Arbeitsmaterial erfordert. Ich habe vor, nochmals alle Buchstaben zu erarbeiten; dazu will ich erstmals auch Lautgebärden einsetzen. Die erste Stunde in dieser Art war ermutigend.
Der 2. Kurs umfasst jetzt 5 Leute, die alle mehr oder weniger lesen können.Mit diesem Kurs werde ich eher Projekte erarbeiten und die Rechtschreibung des Grundwortschatzes festigen. Zur Zeit arbeiten wir am Thema „Unsere Stadt“, spielen Memory mit Fotos von Sehenswürdigkeiten, studieren den Stadtplan und planen als Abschluss eine kleine Exkursion.
Mal sehen, ob sich das so bewährt.
Ich habe eine coole Mindmapping-Software entdeckt, die sich online nutzen lässt.
Die Mindmaps lassen sich auf verschiedene Weisen exportieren oder in einem Online-Account speichern. ![]()
Prima zum Vorbereiten und Ideen sammeln; oben mal ein Beispiel.
Dieses Arbeitsbuch von Anne Spier (Cornelsen Scriptor) habe ich heute in der Bibliothek entdeckt und ausgeliehen. Es ist eigentlich für den Deutsch-Unterricht für Ausländer gedacht, enthält aber viele Ideen, die wir direkt oder modifiziert auch in unserem Lesekurs gebrauchen können, vor allem bei den Fortgeschrittenen. Was mich besonders begeistert hat: Es gibt einige Seiten mit Bildkärtchen zu Verben. Nun findet man ja Cliparts zu Nomen in rauhen Mengen im Internet, aber Darstellung von Tätigkeiten sind oft nicht so leicht zu finden. Ich hab mir die Seiten gleich kopiert, die entsprechenden Wortkarten dazu erstellt, alles laminiert und ausgeschnitten. Wir haben dann heute erst mal die Wortkarten auf die Bilder gelegt und anschließend abgeschrieben. (Das wollte ich eigentlich gar nicht, aber die Teilnehmer wollten es unbedingt – sie sind regelrecht schreibwütig zur Zeit, und schaden tut´s ja nicht.) Beim nächsten Mal will ich es dann als Wort-Bild-Memory einsetzen.
Es gibt viele prima Vorschläge für Sprechanlässe in Verbindung mit Lesen. Z.B. “Was hast du gestern gemacht?” Diese Frage wird von einem Teilnehmer zum jeweils nächsten weitergegeben,; der deckt eine Karte auf, auf der ein Verb im Infinitiv steht. Er antwortet dann mit einem Ich-Satz und muss dabei das Verb ins Perfekt setzen. Da kann man auf einfachste Art viele Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Auch Ideen für Brettspiele gibt es, u.a. ein Stadtplanspiel. Vielleicht könnte man das ja als eine Art Vorbereitung für einen Ausflug in die Stadt benutzen, nachdem sich unser Museumsbesuch jetzt zerschlagen hat. Da muss ich mir mal einen Kopf machen.
Kurz und gut: Schon auf den 1. Blick ist das Buch eine wirklich empfehlenswerte Fundgrube!
Anfang der Woche habe ich es endlich geschafft, mir das Gutenberg- Museum testweise anzusehen, und leider ist es für meine Zwecke ungeeignet. Die Mehrzahl der Objekte sind für meine Leute doch zu “hoch”, zu wenig zum Anfassen, zu weit weg von ihrem Horizont. Barrierefrei bedeutet, dass ein Aufzug vorhanden ist; in diesem Aufzug kann ich aber den Rest der Gruppe nicht mit unterbringen. Ich müsste die andern also allein die Treppe hoch schicken und bin mir nicht so sicher, dass das klappen würde. Viele Objekte liegen in Schaukästen; wer nicht stehen kann, kann schlecht draufgucken. Das nette Modell einer Papiermühle steht auf einem Podest mit Stufen – als ich in die Rollstuhlfahrerposition runterging, sah ich nicht mehr viel davon. Schade eigentlich! Interessant wäre vielleicht der Film über Gutenberg, der gezeigt wird, aber das ist dann doch zu wenig für meine Mühe und das Eintrittsgeld.
Ich muss mir also was anderes einfallen lassen.
Heute zum Beispiel. Markus kam rein und sagte: „Ich will schreiben; heute hab ich Bock zu schreiben. Jens ist noch nicht da. Aber wir können ja schon mal anfangen.“
Also – alle Pläne über den Haufen schmeißen, die Gunst der Stunde nutzen und Grundwortschatz üben. Ich gab ihm immer 4 Bildkärtchen und 4 Wortkärtchen; er las die Wortkärtchen und ordnete sie zu. Dann schrieb er die Wörter ab. Gute Sache: sinnantizipierend lesen, reproduzieren, abgleichen. Jens kam dann auch und machte mit. 20 Wörter schaffte Markus, dann hatte er genug. Wie spielten noch Lesebingo und vergaßen die Zeit! Dann mussten die Männer gehen, weil sie noch die Mülltonnen des Wohnheims rausstellen mussten. Zum Abschied sagte Markus: “ Vielen Dank, Ruth, hat voll Spaß gemacht heute!“ Das ging mir doch runter wie Öl; warum ist es nicht immer so!?